Monika Leutenegger

Maria am Pfingstmontag

Pfingsten ganz<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>683</div><div class='bid' style='display:none;'>7410</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>

Die meisten Pfingst-Ikonen zeigen Maria im Kreis der Apostel. Ein gleiches Bild zeichnen auch viele klassische Darstellungen von Pfingsten: Maria inmitten der Apostel.
Allein, was erzählt die Bibel? Die Apostelgeschichte startet die Pfingsterzählung mit dem Hinweis, es seien alle am gleichen Ort gewesen. Wer sind diese «Alle»? Nach der Himmelfahrt seien alle ständig in einem Obergemach in Jerusalem versammelt geblieben und vereint im Gebet. Namentlich aufgezählt die elf verbleibenden Apostel, «zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.» (Apg 1,14) Der Evangelist Lukas, der auch als der erste Porträtist Marias gilt, weitet in der Apostelgeschichte den engen Kreis der Apostel also aus um die Frauen, und zuäusserst dann die leibliche Familie Jesu. Bindeglied zwischen den Frauen und der Familie Jesu ist Maria, noch nicht namentlich erwähnt der Herrenbruder Jakobus, der später die bedeutendste Rolle in der Jerusalemer Frühkirche übernehmen sollte.

Nur Maria?
Klassische Darstellungen, die Pfingsten einzig mit den Aposteln und der Muttergottes zeigen, verengen also den Blick. Es war nach Lukas nicht «nur» Maria mit dabei, sondern «auch» Maria. Mit den engen Begleiterinnen, die schon auf dem Lebensweg Jesu mit dabei waren. Und eben auch Maria mit der übrigen Familie Jesu. Ein konzentrierter Blick auf Maria kann die wichtigen anderen Frauen und den erweiterten Apostelkreis ausblenden. Das hat in der ökumenischen Diskussion oft zu Kontroversen geführt. Es geht sozusagen um die Frage nach dem «auch» oder «nur». Ist nur Maria bedeutsam, oder steht sie zusammen mit anderen Frauen, Freunden, Verwandten des Heilands? Eine Konzentration auf Maria kann zur Verengung führen, das Wichtige und Wichtiges aus dem Blickfeld geraten. Dabei hat es Maria überhaupt nicht nötig, und es tut auch ihrer Ehre keinen Abbruch, wenn sie auch Raum lässt und Raum öffnet für Andere und Anderes.

Der weibliche Aspekt
Es gibt aber auch Wiederentdeckungen Marias. Ich erinnere mich an gut besuchte Kurse zur «Schwarzen Madonna» in der «Reformierten Heimstätte Gwatt» in den letzten Neunzigerjahren. Viele evangelische Mitchristinnen suchten nach einer weiblichen Dimension Gottes. Gegen eine Wiederentdeckung Marias als Schwester, Begleiterin, Glaubende ist nun wirklich nichts zu sagen. Aber Maria verkörpert nimmer den weiblichen Aspekt Gottes. Früh entfaltete sich der Glaube an Christus zu einem trinitarischen Gottesverständnis: Vater, Sohn und Geist. Und wenn wir Menschen – als Frau und Mann – Gottes Ebenbild sind, ist Gott kein Geschlecht zuzuweisen. Als Menschgewordener hingegen war das Jesuskind ein Büblein. Umso mehr zeichnet die Bibel die Heilige Geistkraft in weiblichen Dimensionen. Der Geist, der bei der Schöpfung über dem Wasser vibrierte, heisst hebräisch «ruach». Und dieser Geist ist eine «sie». Die Ruach ist der belebende Wind, der aufwirbelt und aufmischt. Erst durch die Übersetzung wird die Ruach im Griechischen zum (Neutrum) Pneuma und im Lateinischen zum (Maskulinum) Spiritus. Pfingsten, das Fest der Geistgabe, ist auch das Fest der weiblichen Dimension Gottes. Das Fest der Geburt der Kirche. Und Gebären ist nun beileibe keine männliche Kompetenz. In der Frauenfelder Stadtkirche zeigt die Altarwand den Auferweckten über dem Grab, und oben drüber, unter der Kalotte, den Schöpfergott. Ausserhalb des Bildes aber, dreidimensional, gleichsam startbereit und tatendurstig, die Taube der Heiligen Geistkraft.

Spirituell
Früher war oft mehr die Rede von Frömmigkeit, wenn wir heute von «spirituell» sprechen. Also von geistlich, geistgewirkt. Es geht um das Offen-Sein für überraschende Seiten Gottes, ungewohnte Aspekte der Gottheit. In der Frömmigkeitsgeschichte nun gibt es einen nicht ganz unproblematischen Ausspruch: «de maria numquam satis». Über Maria könne nie genug des Lobes sein. Allerdings musste und muss Rom immer wieder überschiessende Marienfrömmigkeit etwas abtempieren. Denn Maria ist keine Göttin, und sie muss auch nicht die weibliche Dimension in Gott eintragen. Dieses Bedürfnis entstammt eher einer Geistvergessenheit vieler Kirchen. Um die römisch-katholische Mariologie besser einzuordnen, hilft ein Blick aufs Konzil. Alles, was dort zur Muttergottes gesagt wird, steht in der Kirchenkonstitution. Was die Kirche über Maria sagt, sagt sie letztlich über sich selber. Wie Maria den Heiland auf die Welt brachte, so soll heute die Kirche die Präsenz Christi in der Welt spürbar machen. Wie Maria unter dem Kreuz stand, so soll der Platz der Kirche bei den Elenden dieser Welt sein. Wie Maria an Pfingsten mit im Obergemach war, soll die Kirche offen bleiben für die Heilige Geistkraft, verbunden mit den Vielen, apostolisch unterwegs.

Pfingstmontag

Unser Kirchenmusiker Emanuel Helg (siehe nachfolgenden Beitrag) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Papst Franziskus vor zwei Jahren den Pfingstmontag bestimmt hat, an «Maria, die Mutter der Kirche» zu denken. Pfingsten als Geburt der Kirche lenkt den Blick auch auf Maria, die der Welt Christus geboren hat. Kirche nämlich soll sich selber immer neu in die Welt einbringen. Kirche ist nicht Selbstzweck, sondern bringt sich selber auf die Welt, bringt sich ein. Kirche soll mütterlich da sein für alle Kinder. Nicht nur für die braven, sondern auch für die schwierigen, suchenden, gern auch sich emanzipierenden Kinder. Mit dem Pfingstmontag kehrt liturgisch gesehen «Die Zeit im Jahreskreis» wieder. Nach dem Osterfestkreis beginnt von Neuem der Alltag. Wie Maria ist die Kirche dazu berufen, Christus der Welt nahe zu bringen. Den Kreis der Apostel, der Frauen um Jesus, den Kreis seiner Familie über die Verwandtschaft hinaus, zu öffnen und zu weiten. Mit Orgel und Poesie begleiten wir Sie durch den Pfingstmontag und retour ins Alltagsleben der Kirche. Lassen Sie sich mitnehmen.

Thomas Markus Meier, theologischer Leiter


Magnificat primi toni

Erläuterungen zu den Orgelwerken im Konzert mit Lesungen zum Pfingstmontag
Dietrich Buxtehudes Magnificat-Orgelfantasie ist wohl nicht für den liturgischen Alternatim-Gebrauch (zum Beispiel den Wechsel zwischen Chor und Orgel) gedacht. Sie wirkt vielmehr wie eine freie, konzertante Instrumentalversion des Gesanges im ersten Psalmton. Mit etwas Fantasie kann man sogar versuchen, die aufeinanderfolgenden musikalischen Abschnitte der Reihe nach dem Text zuordnen.
1) Meine Seele preist die Grösse des Herrn,
2) und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
3) Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
4) Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan, und sein Name ist heilig.
5) Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
6) Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.
7) Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
8) Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
9) Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheissen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
(10) Amen

Ave Maria

Die Orgelmusik von Alexandre Guilmant widerspiegelt aufs Schönste die bürgerliche Ästhetik der Belle Epoque. Als Interpret der Orgelkonzerte im Pariser Trocadéro-Palast verstand er es, die Orgel populär zu machen. Das Stück «Ave Maria, Offertoire pour la fête de l‘Annonciation ou autres fêtes de la Ste Vierge» komponierte Guilmant zum praktischen Gebrauch für seine Sammlung «L’Organiste liturgiste» Op. 65.

Fuga sopra il Magnificat
Johann Sebastian Bach verarbeitete in seiner «Fuga sopra il Magnificat» den sogenannten Tonus peregrinus (fremder Ton), einen Psalmton, der wegen des wandernden Rezitationstones (von A nach G) von den acht Modi des gregorianischen Gesangs abweicht. Er wird daher auch als neunter Ton bezeichnet.

Ave Maris Stella
Der belgische Komponist Flor Peeters wurde bereits mit zwanzig Jahren zum Orgelprofessor ernannt. Seine Musik ist eine Synthese der unterschiedlichsten Stile, so auch in «Toccata, Fuge und Hymne über Ave Maris Stella». Die Toccata wird mit raschen Figurationen eröffnet, wie sie im französischen Toccatenstil üblich sind. Sie erinnert in ihrem modalen Charakter aber bald an eine freie Improvisation. Der regelkonform strenge Beginn der Fuge lässt neobarocke Einflüsse erkennen. In der abschliessenden Hymne wird dann endlich die gesamte Melodie spektakulär harmonisiert, während bis dahin immer nur die Anfangstöne erklungen sind.

Emanuel Helg, Kirchenmusikdirektor
Bereitgestellt: 10.05.2020     Besuche: 90 Monat 
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