Monika Leutenegger

Erlebnisbericht aus Mexiko

Jugendzentrum in Mexiko <div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>695</div><div class='bid' style='display:none;'>7438</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>

Elias Schönenberger hat bis vor zwei Jahren als Katechet und Jugendarbeiter in unserer Pfarrei gearbeitet. Nun erzählt er von seinem Einsatz im Jugendzentrum Domingo Savio, Ciudad Juárez, Mexiko.
Seit 1991 sind die Salesianer Don Boscos in Ciudad Juárez tätig. Ihre Präsenz konzentriert sich auf drei Jugendzentren, Oratorien genannt. Es sind Orte der Fröhlichkeit, der Begegnung, des familiären Umgangs. Inseln in der gewaltintensiven, vom Drogenkrieg gebeutelten Grenzstadt am nördlichsten Rand Mexikos. Es ist diese Atmosphäre der Oratorien, die ich noch heute, mehrere Monate nach meiner Rückkehr, vermisse.

Die Rufe der Menschen, wenn sie Abend für Abend ihre favorisierte Fussballmannschaft in der oratoriuminternen Meisterschaft anfeuern. Die Mütter, die nach den sonntäglichen Messen stolz Enchiladas verkaufen, deren Schärfe mir das Wasser in die Augen trieb, was mit mitfühlendem Lachen gefeiert wurde. Die Kinder, die einem überfallartig bestürmen, kaum tritt man in Sichtweite. In diese familiäre, dichte Atmosphäre, die bei uns in der Schweiz fast ausschliesslich in geschlossenen Gesellschaften erfahrbar ist, wünsche ich mich oft zurück.

Wie jeden Besuchenden des Oratoriums begrüsse ich den Teenager, der gemeinsam mit einem Kumpel so lässig auf dem Geländer posiert. Ich frage ihn, wie er heisst, wo er wohnt und ob er arbeitet. Er ist tätowiert, auch im Gesicht, trägt zerrissene Jeans, weisse Sneakers und ein Baseballcap. Natürlich arbeite er nicht, sagt er, und zur Schule gehe er auch nicht, schon lange nicht mehr! Er sei ja nicht dumm. Er ist high. Jugendliche wie ihn habe ich in Juárez tagtäglich angetroffen. Abhängige, ohne Arbeit und Ausbildung, ohne Vision und schlecht in ihrer Ausdrucksweise. Meistens lachen sie übertrieben laut, Zeichen der Überforderung, fluchen oder tun so, als würden sie dich nicht verstehen.
Am sichtbarsten wird die Not der Kinder und Jugendlichen von Juárez in der abendlichen Strassensozialarbeit. In einem Kleinbus fahren Volontäre an drei Abenden an drei unterschiedliche Plätze in der Stadt. Durch Rufen, Singen und Fahnenschwenken werden Kinder und Jugendliche aus dem Viertel eingeladen, zwei Stunden mit der Gruppe zu spielen, zu singen und zum Schluss eine biblische Geschichte in Form eines Theaters zu bestaunen. Dazu gibt’s Kräckers und Milch. Ein grossartiges Projekt und gleichzeitig eines, das mich an meine Grenzen bringt. Ungefiltert bekommt man hier die Realität von Juárez zu spüren.

Kinder, deren Kommunikationsmöglichkeiten sich auf Schreien und Schlagen beschränken. Kinder, deren Geschwister oder Eltern dem Drogenkrieg zum Opfer gefallen sind, nicht selten in ihrer Anwesenheit. Kinder, für die der Becher Milch die einzige Verpflegung am Tag bleibt. Die Konfrontation mit dieser Armut wirft mein aus der Schweiz mitgebrachtes Werte- und Glaubenssystem mächtig durcheinander. Es bleibt eine Herausforderung, die ich nur durch einen spirituellen Prozess meistern kann, um nicht zynisch, ängstlich oder wütend auf derartiges Elend zu reagieren.
Ich frage den Jugendlichen, woher er denn das Geld für die Drogen nehme. Er lacht. Plötzlich steht Padre Javier, der Leiter des Oratoriums, neben mir. Padre Javier ist über 70 Jahre alt und einer von insgesamt sechs Salesianern in Juárez. Wie alle andern ist auch er eine beeindruckende Persönlichkeit. Ein Mann mit viel Lebenserfahrung, einem scharfen Verstand und einem grossen, wenn auch eher zurückhaltendem Interesse am Mitmenschen. Ein Mann, der trotz seines stattlichen Alters eine geistige Flexibilität besitzt, die sich wohl in einer tiefen Spiritualität begründet. Ein Mann, der in allem eine Überzeugtheit ausstrahlt, die mir während meines Aufenthalts Halt gibt.

Über ein halbes Jahr habe ich in Juárez gelebt. Monate voller Lebendigkeit und Intensität. Mit grosser Dankbarkeit blicke ich auf diese Zeit zurück. Auf die vielen Menschen, denen ich begegnen durfte, auf das viele Fremde, indem ich immer auch ein Stück Unbekanntes von mir selbst neu entdeckt habe. Gracias, Juárez!
Elias Schönenberger
Bereitgestellt: 25.03.2020     Besuche: 35 Monat 
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