Monika Leutenegger

Wenn Kunst in Fahrt bringt

Kunstfahrt 2020<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>740</div><div class='bid' style='display:none;'>7634</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>

«Die Kirche ist weiblich» – so titelte diesen Spätsommer das Migros-Magazin. Wohl sind wir heutzutage sensibler in Geschlechterfragen als auch schon, nur dass die Kirche weiblich geprägt sei, ist keine moderne Erfindung.
Wenn Paulus beim Ehepaar Priska und Aquila den Namen der Frau voranstellt, ist das keine Frage der Höflichkeit, sondern der Bedeutung. Sie hatte das Sagen.

Vergleiche beim aktuellen Blockbuster TENET: Der Hauptprotagonist versucht einem indischen (Waffen-)Händler auf den Zahn zu fühlen, bis sich dessen Frau einmischt. Sie nämlich ist die Strippenzieherin. Ihren Mann schiebt sie vor.

Übrigens war das in der Frühzeit des Christentums nicht anders: Um in der römisch-patriarchalen Umwelt nicht anzustossen, haben späte Paulusbriefe (wohl von Paulus-Nachfolgern) vieles zurückbuchstabiert, was die ganz junge Kirche den Frauen völlig innovativ zutraute. Jetzt werden Männer vorgeschoben… Weiblichkeit und Kirche ist also keine neue Erfindung, sondern muss freigelegt werden, unter historischen Schichten gleichsam hervorgeholt.

Augenöffner
In der Kirche St. Stefan in Therwil wurde das gleichsam barock inszeniert: Heutige Frauen, in Gespräch und Gemeinschaft, und gar in einem abendmahlähnlichen Setting, wurden so gemalt und angebracht, dass sie wirken wie ein hervorgeholtes, historisches Fresko. Als Augentäuschung, als Tromp-l’œil, eigentlich ein Augenöffner. Wie die Namen grosser biblischer Frauenfiguren, die neu die Orgelbalustrade schmücken. Das neuzeitige Kunstprojekt anlässlich der letztjährigen Innenrenovation inszeniert Kunst, die in Fahrt bringt. Die nicht das Bestehende konserviert, sondern weiterschreibt. Auch in traditioneller Capitalis, in historischen Buchstaben. Aber eben neu durchbuchstabiert.

Auf Kunstfahrt
Die Kunstfahrt 2020 führte nach St. Stefan Therwil ins Kloster Dornach zum Zmittaghalt. Ähnlich unserem Klösterli ein historischer Bau, zentrumsnah, in neuer Funktion.
Am Nachmittag tauchte die Gruppe förmlich ein in eine andere Welt: ins Goetheanum. Spannend, wie aus dem hölzernen Vorgängerbau Elemente und Ideen gewissermassen neu in Spritzbeton gegossen wurden. Wiederum: Transformieren einer ursprünglichen Idee in eine neue Zeit. Nach dem ersten Weltkrieg kam es für Rudolf Steiner nicht mehr in Frage, den abgebrannten Bau einfach wiederaufzubauen. Neue Formen waren gesucht. Kunst geht mit der Zeit. Muss in Fahrt bringen. Wie Papst Franziskus gern aus dem Gattopardo zitiert: Wer Bleibendes erhalten will, muss offen werden für Veränderung. Wie Kunst in Fahrt bringt, hat ein wenig die heurige Kunstfahrt aufzuzeigen versucht.
Thomas Markus Meier, theologischer Leiter,
Bereitgestellt: 15.07.2020     Besuche: 61 Monat 
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