Monika Leutenegger

«Vorübergehend» und Versprechungen – in eigener Sache

Handgemaltes Seidenbild <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Thomas&nbsp;Markus&nbsp;Meier)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>117</div><div class='bid' style='display:none;'>8010</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>

Anfangs Jahr wäre Friedrich Dürrenmatt 100-jährig geworden. Anlässlich einer «Perspektiven-Sendung» durfte ich dazu SRF 2 Kultur ein längeres Interview geben.
Nicht alles konnte ausgestrahlt werden, schon rein aus Zeitgründen. Auch war ich mir nicht immer sicher, wie weit die Erinnerung trüge. So hatte ich einst im Schweizerischen Literaturarchiv in den persönlichen Agenden Dürrenmatts blättern dürfen und da auch manch intime Notiz gelesen, die nicht unbedingt über den Äther verbreitet gehört. Unvergessen immerhin eine Notiz, dass er und seine Frau sich hochheilig versprechen, nicht katholisch zu werden… Ich weiss nicht mehr, war es wegen des Pfarrers von Ars (Bernanos-Lektüre) oder wieso. Über (m)ein hochheiliges Versprechen weiter unten mehr.

Als mich die Redaktorin gefragt hatte, was ich denn jetzt so machen würde, gab ich spontan zur Antwort, ich sei seit über drei Jahren vorübergehend in Frauenfeld. Die Formulierung ist mir hängen geblieben und ich habe Freude daran bekommen. Eine bedrückend traurige Kurzgeschichte von Ralf Rothmann trägt den Titel «Auch das geht vorbei» (in: Hotel der Schlaflosen 2020). Wir denken an das triste Abwarten, Erdauern, Aushalten. Im Berufsleben vielleicht als Gefahr «Innerer Emigration» bekannt. Von ganz anderer Qualität nicht das Vorbeigehen, sondern Vorübergehen. Mose sah Gott im Vorübergehen. Wir können die Zeit nicht packen, einfrieren, aber – im Nachhinein – grosse Bögen, Linien erkennen. Und nie haben wir alles auf sicher. Alles Leben ist vorübergehend. Das lehrt Demut, stiftet hoffentlich an, zu vertrauen. Das Vorübergehen meint nicht Erfassbares, aber kann doch Wirkung zeitigen.

Seit über drei Jahren bin ich nunmehr vorübergehend in Frauenfeld. In der ausführlichen Interviewfassung zu «Gottesdienst vor leeren Rängen», die auf der Homepage zu lesen ist, zeige ich mich hierüber sehr realistisch. Wenn dann mal ein «richtiger Pfarrer» komme, das wüsste ich, dann bin ich weg. Allerdings nur metaphorisch: Je nach Kandidat bleibe ich gerne weiterhin in St. Anna – aber ich weiss, Augen und Hoffnungen werden sich auf diesen richten. Damit kann ich gut leben. Hingegen wurde ich auch schon darauf angesprochen, dass meine Zeit in Frauenfeld zu Ende gehe. Und es war offen gestanden tröstlich, dass dies eher mit Bedauern formuliert war denn mit Erleichterung. Nur, wie gesagt, so ist es zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht geplant. Wie lange «vorübergehend » dauert, da bin ich offen. Woran ich mich aber in der letzten Zeit öfter mal erinnerte, war mein erster Stellenwechsel vor einem Vierteljahrhundert. Damals hatte ich mir etwas hoch und heilig versprochen. Die seltsame Erfahrung nämlich war die: Nach meiner Demission bekam ich weit mehr Einladungen als vorher. Was für mich nicht nur aufwändig war, sondern irgendwie auch unzeitig. Pastoral hätten Einladungen nach Hause, wenn schon, am Beginn, nicht zum Ende einer Anstellung Sinn gemacht. Und so versprach ich mir, das nicht ein zweites Mal zu erleben. Darum habe ich mich nun für St. Anna entschieden, künftig nur noch Einladungen anzunehmen, die vor Publikation dieser Zeilen ausgesprochen oder angetönt wurden. Schliesslich weiss man letztlich dann doch nie, wie lange vorübergehend dauert. Auch wenn es für mich gerne noch andauern darf.

Thomas Markus Meier, Pastoralraumleiter
Bereitgestellt: 16.02.2021     Besuche: 4 heute, 106 Monat 
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