Michèle Rova

Aperçus zur Mundkommunion

Mundkomunion <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Thomas&nbsp;Markus&nbsp;Meier)</span>: Szene Mundkommunion <div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>753</div><div class='bid' style='display:none;'>8039</div><div class='usr' style='display:none;'>78</div>

Seit Anfang März ist die Mundkommunion im Bistum Basel unter strengen Auflagen wieder erlaubt. In den Bistümern St. Gallen und Sitten bleibt sie weiterhin verboten. Warum der Zick-Zack-Kurs in unserem Bistum? Jedenfalls wurde die Mundkommunion bei uns in St. Anna überraschend schnell wieder eingefordert.
Das Wichtigste in Kürze: Wer die Mundkommunion empfangen will, kniet in der vordersten Bank und erhält die Kommunion ganz zum Schluss, nach allen andern.

In den zwei vorletzten Versöhnungsfeiern ging es auch um das Altarbild mit der «Apostelkommunion»: Dargestellt wohl Petrus und Paulus, der eine hält die Hände gefaltet, der andere in Gebetshaltung verschränkt. Mein Wunsch, mein Impuls zur Darstellung war folgender: Es gibt unterschiedliche Frömmigkeitsformen. Lassen wir sie nebeneinander gelten. Es soll, nach dem säkularen Bonmot des Alten Fritz «jeder nach seiner Façon selig werden.»

Nun muss ich allerdings gestehen, dass ich mich etwas wundere, dass es nicht schnell genug gehen konnte, die Mundkommunion bereits wieder zu erlauben. Dazu gleichsam ein paar Gedankenhäppchen:

  • Mit einem Studienfreund auf dem Land- und Seeweg heim vom Studium in Jerusalem besuchen wir im Markusdom in Venedig die Messe. Beim Kommunionempfang reicht ihm der Patriarch die Hostie nicht, weil mein Kollege als Linkshänder die falsche Hand oben hält. Der Patriarch deutet und winkt, bis der andere es endlich begreift und seine Hände anders hinhält. Er musste dann mit seiner ungeübten Hand die Hostie zum Mund führen. Was ihn seelisch mehr als körperlich befremdet hat. Eine Art Umerziehung beim Kommunionempfang. Was den Patriarchen wohl zu dieser Intervention bewogen hat? Wahrscheinlich war er sich nordländische Handkommunion eh weniger gewohnt. Und wenn schon wer sich nicht durch den einen Mund speisen lassen will, sondern selber kommuniziert, dann wenigsten mit der richtigen Hand… Coronahalber nun wurde vielen LiebhaberInnen der Mundkommunion ähnliches zugemutet. Nämlich: umlernen, anders zu kommunizieren. Die Kommunion über die Zwischenstation der eigenen Hände empfangen. Sich nicht speisen lassen wie ein kleines Kind.
  • Das (zeitweise) Verbot der Mundkommunion ist aus medizinisch-hygienischen Gründen ausgesprochen worden. Hier gibt es historische Beispiele. Um die Kommunion hygienischer empfangen zu können, entwickelten sich in evangelikalen Kreisen seit dem 19. Jahrhundert neue Formen. Hierzulande mancherorts bekannt die kleinen Plastik-Becherchen für den konsekrierten Traubensaft. Beinahe bizarrer Art die neuste Kommunionspendung durch «Communion Cups»: Eine Art Einzelpackungen wie unsere Kaffeerahmportionen. Oben, als Deckel, eine hygienisch eingeschweisste Hostie, unten ein Schluck Wein oder Traubensaft. Nur: Was war eigentlich einst die Symbolik? Wir alle essen von dem einen Brot, trinken aus dem gleichen Kelch. Es soll die Gemeinschaft gefeiert werden, und nicht das Hohelied des Individualismus gesungen. Mit dem Austeilen der Handkommunion zuerst an alle, und dann am Schluss an die mit der Mundkommunion öffnen wir zwar die Möglichkeit für verschiedene Frömmigkeitsformen, zelebrieren aber gleichzeitig das Sakrament der Zusammengehörigkeit als etwas Trennendes.
  • Mein Professor für Neues Testament, sehr glaubwürdiger Priester und gewissenhafter Zelebrant auch, fragte einst, woher wohl das Bedürfnis für die Mundkommunion käme. Viele möchten die Hostie eben nicht mit ihren «sündigen Händen» empfangen, war seine Erfahrung, die er allerdings mit einer Gegenfrage kontrastierte: Erfahrungsgemäss sündigten die meisten mehr mit der Zunge als mit den Händen… (Und frank und frei heraus gesagt: Das Austeilen der Mundkommunion ist gelegentlich durchaus etwas unappetitlich.)
  • Im Ersten Korintherbrief behandelt Paulus die Frage auch der persönlichen Frömmigkeit gegenüber dem Empfinden und Fühlen der Religiosität bei andern. Es geht darum, sich nicht über andere zu erheben. Ich erinnere mich an ein Interview im Berner Pfarrblatt, als vor Jahren eine Mitarbeiterin des Ordinariats in Solothurn gefragt worden war, was sie am Glaubensleben hierzulande am meisten störe. Ihre Antwort: Wenn sie beim Kommuniongebet knie, aber sehe, dass andere stehen blieben… Ich hatte mir nicht verkneifen können, in einem Leserbrief maliziös nachzufragen: Sieht so die tiefe Versenkung aus? Von Paulus aber könnten wir lernen: Wie ich meinen Glauben nach aussen ausdrücke, kann Einfluss auch auf andere haben. Und ich könnte mich fragen, was ist mir allenfalls mein Sonderbedürfnis wert?


Unser Altarbild zeigt in der Tat das kunstgeschichtliche Genre der «Apostelkommunion». Das letzte Abendmahl nicht als Jesu Abschiedsmahl und Stiftung einer Gedächtnistradition, sondern eine Art erste «tridentinische Messe avant la lettre». Kein «Ite, missa est», geht hin, das ist jetzt eure Sendung, eure Mission…! Ihr sollt Brot für die Welt werden, wie ich für euch Brot geworden bin, sondern ein stilles Kommunizieren für sich selber. Die Versenkung in sich selber hat unbestritten spirituelle Tiefe. Aber eine altkirchliche Sentenz sagt: Wer tief eintaucht in Gott, taucht unweigerlich beim andern, beim Nächsten, beim Armen auf. Und so könnte immer auch eine Überlegung sein: Was bewirkt meine äussere Haltung beim andern? Frei nach Paulus: alles ist erlaubt, aber nicht alles frommt. Oder im konkreten Fall: nicht alles mundet…

Thomas Markus Meier
Pastoralraumleiter, Theologischer Leiter

Bereitgestellt: 25.01.2021     Besuche: 87 Monat 
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