Claudia Steiger

Bilder zu Ökumene

Palme im Schnee <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Thomas&nbsp;Markus&nbsp;Meier)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>813</div><div class='bid' style='display:none;'>8092</div><div class='usr' style='display:none;'>96</div>

Was eine verschneite Yucca-Palme mit der «Gebetswoche für die Einheit der Christen» zu tun hat, das war im ökumenischen Gottesdienst in der reformierten Stadtkirche zu hören.
Seit 1987 hüte ich eine Yucca-Palme für den Bruder eines Klassenkameraden. Abgeholt hat er sie bis heute nicht… Ausserdem: Gelegentlich spricht man von einer «neuen ökumenischen Eiszeit». Sind wir also irgendwo stecken geblieben, festgefroren?

Das diesjährige, weltweite Motto zur Woche der Einheit stammt aus der Schweiz, von der evangelischen Schwesterngemeinschaft von Grandchamp: «Bleibt in meiner Liebe und ihr werdet reiche Frucht bringen». Es ist dies nicht eigentlich ein genau lokalisierbares Bibelzitat, sondern ein Versuch, die Bildrede von Johannes 15 auf den Punkt zu bringen. Bleibende Verbundenheit mit Christus bringt Früchte. Das als ein Gegenmodell zum Gegeneinander-Ausspielen von Glaube versus Werkgerechtigkeit (und umgekehrt) aus der Reformationszeit. Verbundenheit mit Christus: Da will etwas herausschauen dabei. Glaube konkretisiert sich im Tun.

Gleichwertiges Neben- und Miteinander
Weinstock und Rebe: Vom Weinstock zweigen Triebe ab, in alle Richtungen, horizontal. Es ist ein Bild, wie es von Christus her in verschiedene Richtungen treibt. So heisst es denn auch: «Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.» In der Mehrzahl. Niemand kann von sich behaupten: Ich bin sie, die einzigartige Rebe. Meine Christusverbundenheit ist einzigartig, exklusiv. Nein, andere neben mir bringen auch Frucht.

Wäre dieses Bild nicht auch deutbar über die individuelle Ebene hinaus, auf die institutionelle Dimension? Wie der Weinstock verschiedene Triebe sprossen lässt, so wachsen und blühen verschiedene Konfessionen nebeneinander, miteinander. Keine Traube ist die allereinzige. Verschiede Trauben, verschiedene Geschmäcker; unterschiedlicher Goût, ein buntes Bouquet.

Die biblische Bildrede vom Weinstock und den Reben hat etwas Verbindendes, aber auch Diverses. In alle Richtungen treibt und blüht es; es gibt keine lineare Höherentwicklung, sondern ein horizontales, gleichwertiges Neben- und Miteinander. Geistesgeschichtlich sind wir meistens von einem ganz anderen Pflanzenbild geprägt. Vom Stammbaum des Lebens nämlich. Von einer stetigen Aufwärtsbewegung. Einer Höherentwicklung. Vom primitiven Einzeller hoch in den Wipfel der Primaten. Die Abzweigungen, Äste unten dran sind bildlich auf tieferem Niveau.

Allein: Dieses Bild entstand aus der Not, und im «Gjufel». Als Darwin auf der Spur der Evolution war, suchte er nach einer passenden Visualisierung. Er machte verschiedene Skizzen. Und kriegte plötzlich spitz, dass ein anderer Forscher zu ähnlichen Überlegungen, Entdeckungen kam. Jetzt pressierte es plötzlich. Wer wäre der erste? Wer würde vor dem andern publizieren? Also verwarf Darwin seine komplizierten, lebensvielfältigen Skizzen und entschied sich für ein eingängiges, vereinfachendes Bild. Den Stammbaum des Lebens. Die lineare Höherentwicklung mit dem Menschen an der Spitze. Aber eigentlich hatte er in eine ganz andere Richtung gesucht, geforscht. Seine Skizzen zeigen mehr ein Bild wie Korallen. Kein einheitlicher Ursprung, sondern ein Wald verschiedener Anfänge. Einzelne Äste können zusammenwachsen und sich wieder trennen. Das Ganze wächst mehr in die Breite als in die Höhe. Kein Spitzenwipfel zuoberst, sondern ein bunter Teppich.

Ökumene als Miteinander
Der Clou: Wir alle sind vom Bild des Stammbaums geprägt, der mehr eine Vision visualisiert, als das Leben selber. Und solche Bäume der Höherentwicklung tauchen dann als Echo auch im Religionsunterricht auf, in Kirchengeschichtsbüchern: Da nun läuft die Entwicklung auch von unten nach oben; zuoberst die Spitzenentwicklung, unten die Äste als Abspaltungen. Je nach dem ist dann der oberste Wipfel die Lutherische Kirche, die Römische, etc., wer grad eben das Bild malt. Beim Korallenbild, das näher dem Entwicklungsbild des Lebens wäre, ist es anders. Hier lebt und wächst es bunt neben-, mit- und durcheinander. Es entsteht ein diverser Wald, der Lebensraum für verschiedene Geschmäcker gibt. Niemand schwingt obenaus. Ein Seitentrieb kann auch wieder am Hauptstamm anwachsen.

Manchmal äussern sich Zeitgenossen in den sozialen Medien sehr gehässig, wenn es um Ökumene geht. Sie versteifen sich darauf, zur einzig richtigen Kirche zu gehören, alle andern wären Abirrungen... Ökumenische Annäherungen werden verteufelt; ein einziger, heiliger Ursprung beschworen. Bei Korallen sind die Strukturen nichts anderes als Kalkausscheidungen. Versteinerte Vergangenheit sozusagen. Nur zuoberst, nur im Heute, sitzt das Leben (siedeln die Polypen). So wichtig die Vergangenheit ist, sie zeigt unsere Herkunft. Nicht die Zukunft zu der hin wir wachsen. Der eigentlich fruchtbare Dialog ist der mit dem Leben. Mit den andern Korallen «sprich» Kirchen. Auf der Herkunft, der Vergangenheit bauen wir auf. Aber sie ist Stein geworden. Ein gutes Fundament, nicht aber das Leben selber.

Sei es das Bild vom Weinstock und den Reben, sei es das Bild des Korallenriffs: Ökumene wäre das Miteinander. Wachsen vom gleichen Boden her, aber austreiben in die Breite. Einander Raum und Sonne lassen. Lebensraum werden für verschiedene Geschmäcker. Vielfalt, keine Monokultur. (Das gilt übrigens auch für die scheinbar so monolithische katholische Kirche selber. Sie kennt zwei Rechtsordnungen: eine für den Osten, eine für den Westen. Und dieser Zweig, der lateinische, kennt selber wiederum vier Riten. Früher noch waren es bedeutend mehr… – auch hier also: Der horizontale Korallenteppich wäre passender als ein vertikaler Stammbaum.)

Ökumene: Ein Korallenteppich, bunt, vielfältig, lebensnah. Kein (Stamm-)Baum, der überragen will. Kein Ast, der als Abspaltung vor Augen gemalt wird. Kurzum: Keine neue ökumenische Eiszeit hoffentlich und bitte auch keine Korallenbleiche…
Thomas Markus Meier, Pastoralraumleiter St. Anna
Bereitgestellt: 22.03.2021     Besuche: 50 Monat 
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