Claudia Steiger

Körnige Köstlichkeiten

Kartause Ittingen Uhr (Foto: Michèle Rova)

Eine launige Powerpoint am Stiftungsfest der Kartause Ittingen Ende Juni stellte die Frage: «Was hat Gastronomie mit Astrologie zu tun?»
Pandemie und unterschiedliche Grade eines Lockdowns führten zu ganz neuen, teils unerwarteten Herausforderungen für die Hotellerie. Darum habe es Sinn gemacht, im Backoffice einen Computer durch eine Kristallkugel zu ersetzen.

Auch für das Pfarreileben wäre manchmal ein solch glasklarer Blick in die Zukunft hilfreich gewesen. Aufs Geratewohl planen, oder auf Nummer sicher gehen? Statt Aufschieberitis haben wir versucht, meist das Mögliche anzuvisieren – und so konnten doch, in verändertem Rahmen, Erstkommunionen und Firmungen gefeiert werden, eine Pfarreireise aufgegleist (wir werden den Nachtzug nehmen), das Pfarreileben langsam wieder hochgefahren werden.

Das Leben geht weiter
Ein Blick zurück wird immer zeigen: Es wird nie wieder so werden, wie es niemals war. Das Leben geht weiter; die Vergangenheit klärt sich oder verklärt sich; im Rückblick sind wir, vermeintlich, immer schlauer. In der Predigt anlässlich des Stiftungsfestes war es auch um den Rückblick gegangen. Israel sehnt sich in der Wüste zurück nach den vollen Fleischtöpfen Ägyptens. Die wundersame Gegenwart, die mannig-, respektive «manna-faltigen» kulinarischen Sonderbarkeiten lassen das Volk die neuen, geschmacklichen Hochgenüsse verschmähen und sich stattdessen zurücksehnen nach dem zurückgelassenen Alltag.

Dieser allerdings war kein Honigschlecken, im Gegenteil: Frondienst und Kopfducken. Aber dennoch giert das Volk nach Gurken und Melonen, nach Zwiebeln, Lauch und Knoblauch – nach rabbinischer Tradition die einzigen fünf Geschmacksrichtungen, nach denen das Manna NICHT schmecken konnte. Alles andere wurde einem in einem spirituellen «Tischlein deck dich!» geradezu ums Maul gestrichen.

Neue Normalität
Aber wie es so ist: Wer (fast) alles haben kann, dem hängt noch das Feinste bald zum Hals heraus; der Mund wird voll genommen und geklönt, gestöhnt: Mir ist langweilig, ich möcht‘s wieder haben wie einst. Oder möcht‘s so haben, wie es hoffentlich endlich bald kommen wird. Manna war ausserordentliche Nahrung für ausserordentliche Zeiten. Aber statt das Wunder der Gegenwart zu verköstigen, träumte das Volk den Banalitäten der Vergangenheit nach.

Nach der Bibel hörte der Mannasegen auf, nachdem das Volk ins gelobte Land eingezogen war. Nun begann ein neuer Alltag, eine neue Normalität. Es wurde wieder gesät und geerntet. Das Manna könnte zur Lektion werden, dankbar die Gegenwart zu geniessen, statt sich in die Vergangenheit oder eine erträumte Zukunft zu flüchten. Kristallkugeln für die Zukunft gehören nicht zum Büroalltag; das körnige Manna auch nicht. Aber überliefert ist, dass es je nach Gusto zubereitet werden konnte. Spielerischer, kreativer Umgang mit dem Vorliegenden. Ob das nicht mehr nährt als von andern, künftigen Speisekarten träumen?
Thomas Markus Meier, Pastoralraumleiter
Bereitgestellt: 26.06.2021     Besuche: 44 Monat 
aktualisiert mit kirchenweb.ch