Claudia Steiger

In Bewegung gerufen

Kunstfahrt 2021 (Foto: Thomas Markus Meier)

Es waren wie Lichtflügel, von der Sonne an die organischen Steinmauern gemalt: Eine Kirche in Bewegung.
Freilich war die Akustik herausfordernd – der evangelische Pfarrer riet uns, beim Singen des «Laudate omnes gentes» langsam in der Kirche umherzugehen. Die Steinkirche in Cazis, der erste Übertagbau mit dem Spritzgussverfahren aus dem Tunnelbau, bildete Abschluss und Höhepunkt der diesjährigen Kunstfahrt.

Schon in Zillis erforderte die romanische Bilderdecke, dass die BesucherInnen immer wieder ihren Platz wechselten, im Kirchenschiff umhergingen. Kirche, von «ekklesia», die Versammlung, meint die Zusammengerufenen. Wer sich rufen lässt, kommt, setzt sich in Bewegung. Wie auch die «Wandlung», das Geheimnis der Messe, uns locken möchte zur Wandlung, zur eigenen Verwandlung, nicht zum Stillstehen.

Platz für Unscheinbares
Sogar die Bilderdecke in Zillis hat einige Wandlungen hinter sich; die einzelnen Bildquadrate standen nicht immer in der gleichen Reihenfolge. Was dort auffiel: Mitten in der Passion bricht die Erzählung ab und wechselt in die St. Martinslegende. Wie wenn aus der Bibel in die (damalige) Gegenwart geswitcht werden sollte. Die biblische Bewegtheit hinübergerettet in unseren eigenen Alltag.

Bei längerem Betrachten auffällig: Manche Szenen wurden sehr breit entfaltet; Nebensächliches bekam eigenen Raum. Statt die drei Weisen aus dem Morgenland als Gruppe in ein Bild zu fassen, reitet jeder auf einem eigenen Bild daher. Und am End bekommen gar die drei Rosse eine eigene, zusätzliche Darstellung.

Auch unspektakuläre, alltägliche Begebenheiten – kein Wunder, keine Predigt oder hehre Lehre – bekommen ihren Raum. Kirche hat auch Platz für Kleines, Unscheinbares. Alles wird mitgenommen in Gottes grosse Bewegung. Kunst, die in Fahrt bringt…
Thomas Markus Meier, Pastoralraumleiter
Bereitgestellt: 25.06.2021     Besuche: 88 Monat 
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