Claudia Steiger

Sterbebegleitung

Weg Herbst (Foto: Peggychoucair / Pixabay)

Herrn Jean-Jacques Sommer* kannte ich schon seit längerer Zeit. Er kam nicht oft ins Spital, wenn er aber da war, dann blieb er über eine längere Zeit.
Herr Sommer war an allem sehr interessiert, hinterfragte vieles; die Gespräche waren immer sehr spannend. Seine Frau war schon vor einiger Zeit gestorben, er war über 90, aber geistig sehr präsent. Nebst anderen Themen haben wir immer wieder über das Sterben gesprochen; und noch mehr über das jenseitige Leben. Er hatte eine tiefe innere Ruhe, war mit dem Leben sehr versöhnt und neugierig, wie denn dieser Übergang ins himmlische Reich sein würde.

Vor allem der Psalm 139 hat ihn sehr angesprochen: «Wie könnte ich mich dir entziehen; wohin könnte ich fliehen, ohne dass du mich siehst? Stiege ich in den Himmel hinauf – du bist da! Wollte ich mich im Totenreich verbergen – auch dort bist du! Eilte ich dorthin, wo die Sonne aufgeht, oder versteckte ich mich im äussersten Westen, wo sie untergeht, dann würdest du auch dort mich führen und nicht mehr loslassen.» Aus dem Psalm 139 schöpfte er grosse Zuversicht, dass er bei Gott auch im himmlischen Leben Halt finden wird. Herr Sommer ist entschlafen in der Freude, dass er seine geliebte Gattin unmittelbar wieder antrifft.

Berührende letzte Wege
Bei Frau Anna-Maria Tobler* standen auf dem Beistelltisch am Krankenbett ein Engel und eine Maria-Statue. Auch ein Rosenkranz wies auf ihre gelebte Spiritualität hin. Sie sprach in grosser Dankbarkeit über ihr Leben und die von Gott erhaltene Hilfe. Frau Tobler erzählte mir vor allem auch von ihrer Familie, von ihren Kindern und Enkelkindern. Wir beteten mehrmals den Rosenkranz, so gut es möglich war; aber immer in einer tiefen inneren Gebetshaltung. Nach einem erfüllten Leben fühlte sie sich dankbar und bereit für den Weg in den Himmel. Vikar Hieronimus Kwure spendete ihr die Krankensalbung als Sterbesakrament. Frau Tobler ist in tiefem, inneren Frieden entschlafen.

Beat Widmer* hat mir schon beim ersten Besuch davon erzählt, dass er schon lange mit grosser Leidenschaft in einem Männerchor mitsinge. Beim folgenden Besuch nahm ich dann ein Liedblatt mit und wir sangen gemeinsam eines seiner Lieblingslieder. Einige Wochen später trafen wir uns wieder; da war er körperlich schon deutlich schwächer. Das Singen war aber immer noch ein grosses Thema in unseren Gesprächen und er schwärmte davon, welche Lieder er gerne noch singen würde. Das hat mich dazu ermutigt, immer wieder ein Liedblatt mitzubringen. Manchmal konnte er noch einige Töne mitsingen, immer öfter wurde unser Duett zum Sologesang und ich durfte ihn betend und singend auf seinem letzten Weg begleiten.

Frau Eva Müller* habe ich auf der Onkologie kennengelernt. Sie war Anfang Dreissig und hatte zwei Kinder im Primarschulalter. Sie hat mir von ihrer Diagnose erzählt, von ihren Kindern und vor allem davon, dass sie für ihre Kinder da sein möchte. Während sie das erzählte, weinte sie immer wieder, sie verstand diese Welt nicht; als junge Mutter wollte sie nicht sterben, sondern mit ihrer Familie leben. Sie hat dann für sich entschieden, niemandem von ihrer Krankheit zu erzählen und lebte nur noch zuhause, sehr zurückgezogen. Für ihre Umgebung kam dann die Nachricht von ihrem Tod sehr überraschend.

«Vater unser»
So wie jeder Mensch einzigartig ist, genauso ist jedes Sterben einzigartig. Die Begleitung von Sterbenden erfahre ich selber als sehr würdevoll. Den letzten Weg vor der unmittelbaren Gottesbegegnung begleiten zu dürfen, berührt mich immer wieder. Ich bete oft das «Vater unser», den Psalm 23 oder singe mit oder für die Sterbenden. Obwohl Sterbende am Schluss des Lebens immer schwächer werden und immer weniger kommunizieren, gibt es auch immer wieder Momente von stärkerer Präsenz und ein gemeinsames Gebet, ein «Vater unser» ist noch möglich.

Sehr wertvoll im Sterbeprozess ist für mich auch die gute Zusammenarbeit mit den Stationsteams, der regelmässige Austausch mit dem Palliativdienst und die Gespräche mit den Angehörigen. Die meisten Sterbenden dürfen so einen guten Weg gehen; den Übergang von dieser Welt ins jenseitige Leben in tiefem Frieden.
*Alle Namen sind frei erfunden.
Spitalseelsorger Alex Hutter, Diakon
Bereitgestellt: 01.08.2021     Besuche: 73 Monat 
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