Monika Leutenegger

Religionsunterricht in der ersten Oberstufe - Herausforderung mit Reizen

Religionsklasse 1. Oberstufe<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>335</div><div class='bid' style='display:none;'>4826</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>

In der ersten Oberstufe besuchen die Schülerinnen und Schüler unserer Pfarrei für eine Doppellektion pro Woche den katholischen Religionsunterricht. Dieser Unterricht fühlt sich anders an, als derjenige der Primarstufe. Grund dafür ist das veränderte Zielpublikum.
Das Umfeld der Jugendlichen ist Schauplatz zahlreicher Spannungen: Zwischen kindlicher Naivität und rebellischer Überheblichkeit, zwischen Neugier und Motivationslosigkeit, zwischen Geborgenheitssuche und Freiheitsdrang. Dem Umgangston und den Umgangsformen, welche die Welt der Jugendlichen prägen, folgen zu können, fällt da selbst den jungen und junggebliebenen Lehrpersonen nicht immer leicht. Doch gerade im Religionsunterricht, in dem wir den Anspruch haben, den Jugendlichen den Puls zu fühlen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen zu vermitteln, dass wir sie ernst nehmen, ist dies das Mittel zum Erfolg.

Das Eigene kennen, das Fremde verstehen
Der Stoff des ersten Oberstufenjahres lässt sich in zwei Bereiche aufteilen. Der Inhalt des ersten Semesters vertieft das Verständnis für die katholische Religion. Hier werden unter anderem der methodische Umgang mit der Bibel, die Rolle Jesus als Mittler zwischen Mensch und Gott, unser Gottesbild, Aufgaben und Struktur der Kirche und die ethischen Verpflichtungen des Christen diskutiert. Im zweiten Semester öffnet sich der Blick gegenüber den drei anderen Weltreligionen. Gemäss der Weisung des zweiten Vatikanischen Konzils werden hier die Grundlagen von Islam, Judentum und Hinduismus vermittelt, um das Eigene besser zu verstehen und den Dialog mit dem Anderen zu ermöglichen. Die Inhalte versuchen dabei in die Tiefe zu arbeiten und scheuen sich nicht, grosse Lebensfragen und Dilemmas des Menschseins anzusprechen. Wie gehen wir mit der Unausweichlichkeit unseres Todes um? Wie kann man aus dem Bewusstsein seines eigenen Scheiterns Kraft schöpfen? Die direkte Konfrontation, beispielsweise in einer Gesprächsrunde mit praktizierenden Jüdinnen und Juden im Projekt Likrat, soll die Jugendlichen aufrütteln.

Aufbereitung der Inhalte als Schlüssel zum Erfolg
Die fünf Katechetinnen und Katecheten des Oberstufenteams der Pfarrei St. Anna nutzen seit der Schaffung der übergreifenden Pfarrei dieselben Unterlagen, welche in einem detaillierten Lektionenplan festgehalten sind. Dies ist effizient, erleichtert den Austausch und garantiert inhaltliche Qualität. Ein Grossteil unserer Bemühungen fliesst dahin, den zunehmenden Erwartungen der Schülerinnen und Schüler bezüglich der methodischen Aufbereitung der Inhalte gerecht zu werden. Der Einsatz von multimedialen Mitteln wird durch die gute Infrastruktur der Oberstufenschulhäuser erleichtert. Es ist aber gerade die Diversifikation der Lehrmethoden, welche den Klassen ein hohes Mass an methodischen Fähigkeiten abverlangt. Erwartungshaltung und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler divergieren hier oft.

Herausforderungen und Chancen
Trotz lebensnahen Inhalten und ansprechender Aufbereitung: Nicht selten ist die Klasse nur schwierig für die Themen des Religionsunterrichts zu motivieren. Dies hat unterschiedliche Gründe. Einerseits sind die Jugendlichen wohl stärker als in der Primarstufe mit sich selbst und mit ihrem Wirken auf Gleichaltrige beschäftigt. Oft scheitert wir Lehrpersonen am persönlichen Anspruch, sie in diesem wichtigen und spannenden Prozess zu begleiten und ihnen aufzuzeigen, dass gerade das religiöse Wissen und der persönliche Glaube in solch turbulenten Zeit Halt geben kann. Dabei sehen wir uns als Religionslehrer und -lehrerinnen auch mit diversen Vorurteilen gegenüber des Religionsunterrichtes und dessen Inhalten konfrontiert.
Andererseits ist der Stoff selbst, so gut aufbereitet und vereinfacht er auch sein mag, für die Schülerinnen und Schüler schwer zugänglich, fordert er doch eine philosophische Denkweise, die anstelle von klaren Antworten Raum für Argumentation lässt.

Trotzdem und für uns als Team gerade wegen dieser Schwierigkeiten ist der Religionsunterricht in der ersten Oberstufe eine Bereicherung. Wer nämlich in diesen Herausforderungen Chancen sieht und den zahlreichen Vorurteilen, mit welchen die Oberstufenschüler aufwarten, mit Schlagfertigkeit entgegentritt, der vermag in diesen jungen Köpfen so einiges zu bewirken. Und auch bei uns selbst können die Jugendlichen Denkprozesse auslösen. Schliesslich vermögen sie es mit ihrer kritischen Einstellung wohl stärker als Kinder tieferer Stufen, uns unsere eigenen Stärken und Schwächen vor Augen zu führen.

So ist dieser gegenseitige Verstehens-Prozess, der im Oberstufenunterricht zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen stetig im Gange ist, nicht selten Schauplatz komischer Situationen. Solche Situationen können beiden Parteien aufzeigen, wie sehr ihre Erwartungshaltung divergieren und gleichzeitig der Anlass sind, weshalb wir uns gerne auf den Weg mit Jugendlichen machen. Eine derartige Begebenheit hat sich vor einigen Monaten zugetragen.

Schülerin fragt: Ähm... Isch jetzt vilich nöd gad zum Thema. Aber irgendwiä jo scho... Aso das mit Evangelisch und Katholisch. Aso... wiä isch das ganz gnau?
Lehrer: Wirklich nicht ganz zum Thema aber egal. Exkurs zum Thema Reformation in 30 Sekunden. Die Reformation war eine Spaltung der christlichen Kirche im 16. Jahrhundert. Dies, grob gesagt, weniger aufgrund von Glaubensinhalten als vielmehr aufgrund einer Kritikwelle an den herrschenden, religiösen Praktiken und Ritualen. Kennenswerte Namen sind Luther und für die Ostschweiz Zwingli. Evangelisch ist eine Konfession, welche auf die reformierte Seite gehört. Wir sind eine andere Konfession, die Katholiken. Noch Fragen?
Schülerin: Also ähm... dänn isch Jesus jetzt.... evangelisch gsi?
Lehrer: Nein natürlich nicht! Wann habe ich gesagt, war die Reformation?
Schülerin: Hm... 18. Jahrhundert.
Lehrer: 16. Jahrhundert! Und wann hat Jesus gelebt?
Schülerin: Kei Ahnig.
Lehrer: Unsere Zählung beginnt mit der Geburt Jesus. Also im Jahr 0. Hat Jesus die Reformation also erlebt respektive gekannt?
Schülerin: Ah logisch...
Lehrer: Sehr gut. Alles klar?
Schülerin: Jo voll und usserdem chan er jo gar nöd so... evangelisch gsi sie. Er isch jo Christ gsi!
Lehrer: Jude! Jesus war Jude! Er ist der Grund, warum das Christentum Christentum heisst! Jesus Christus. Er hat das Christentum erst gegründet.
Schülerin: Ah jo voll. Und usserdem hät er jo gar nöd Biblä gschribä. Das händ jo äbä diä Evangelischä gmacht.
Lehrer: Ich merke, ich muss tiefer gehen.


Elias Schönenberger,
Bereitgestellt: 29.03.2018     
aktualisiert mit kirchenweb.ch