Monika Leutenegger

Jacob Chanikuzhy erzählt aus seiner Heimat

Jacob Chanikuzhy<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-frauenfeldplus.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>467</div><div class='bid' style='display:none;'>6163</div><div class='usr' style='display:none;'>41</div>

Monika Leutenegger führte mit unserem Aushilfspriester Jacob Chanikuzhy aus Indien ein Interview. Jacob lebt in Kerala, einem Bundesstaat an der Malabarküste im Südwesten Indiens.
In religiöser Hinsicht ist Kerala gemischt. Hindus stellen mit 55 Prozent der Bevölkerung zwar die Mehrheit, ihr Anteil ist aber deutlich niedriger als im landesweiten Durchschnitt, wo er etwa 80 Prozent beträgt. Der Anteil von Muslimen mit 27 Prozent und Christen mit 18 liegt dabei deutlich über dem gesamtindischen Durchschnitt von 14 beziehungsweise 2 Prozent. Die verschiedenen Glaubensrichtungen sind bereits seit vielen Jahrhunderten in Kerala vertreten und existieren weitgehend friedlich nebeneinander.

Jacob, Du bist nun zum dritten Mal bei uns in der Pfarrei St. Anna als Aushilfspriester tätig. Wie erlebst Du unsere Pfarrei?
J.Ch.: Ich erlebe Eure Pfarrei sehr lebendig. Bei jedem Aufenthalt bei Euch gibt es wieder etwas Neues. Die Behörden und Mitarbeitenden sind aktiv und haben viele Ideen. Alle arbeiten mit viel Begeisterung und Engagement.

Was unterscheidet unser Pfarreileben von dem in Kerala?
J.Ch.: In unseren Pfarreien haben die Priester sehr viel zu tun. Sie sind für alle Gottesdienste und Sakramente alleine zuständig. Es gibt kein Seelsorgeteam, jedoch ein Pfarreikonzil. Das ist in etwa das gleiche wie ein Pfarreirat. Der Pfarrer bespricht sich mit dem Pfarreikonzil, macht aber die meisten Arbeiten alleine. Nur in grossen Pfarreien helfen in finanziellen und administrativen Angelegenheiten zwei gewählte Mitglieder der Gemeinde dem Pfarrer. Meistens gibt es einen Buchhalter und einen Mesmer vor Ort. Den Religionsunterricht, der sonntags nach der Messe stattfindet, erteilen Katechetinnen und Katecheten. Für die Jugendlichen gibt es nach der Messe eine Vorlesung, die oft von einem Laientheologen gehalten wird. Bei uns sind die Messen in den grossen Pfarreien werktags um 5.45 Uhr und um 7.00 Uhr, sonntags für die Erwachsenen um 7.00 Uhr, für die Kinder und Jugendlichen um 9.30 Uhr. In kleinen Gemeinden feiern wir werktags um 6.30 Uhr Messe. Den Religionsunterricht besuchen alle Kinder und Jugendlichen von der ersten bis zur zwölften Klasse.
In unseren Familien gibt es täglich ein Abendgebet, dass etwa 30 bis 45 Minuten dauert. Da beten wir unter anderem den Rosenkranz, lesen Bibeltexte und diskutieren darüber. Anschliessend isst die Familie zusammen. Dieses Ritual empfinde ich als sehr wertvoll.

Ihr hattet im letzten August grosse Überschwemmungen in Eurem Land. Was ist dabei passiert? Wie sieht es heute aus?
J.Ch.: Aufgrund der Flut starben 483 Menschen und etwa eine Million Leute mussten evakuiert werden. Fast ein Sechstel der Bevölkerung war betroffen. Es wurden viele Häuser und Äcker überschwemmt. Das Priesterseminar blieb verschont, da es höher gelegen ist. Es kamen 1100 Personen zu uns, die ihre Häuser verloren hatten. Während einer Woche boten wir Unterkunft und Essen an. Dank dem gespendeten Geld konnten wir die Menschen beim Neubau ihrer Häuser und beim Kauf neuer Pflanzen unterstützen. Auch viele Nutztiere sind gestorben und mussten ersetzt werden. Die Menschen habe keine Versicherungen und sind deshalb auf die Hilfe von Anderen angewiesen. Wir waren sehr dankbar für die Spende der Pfarrei St. Anna.
Heute hat sich die Situation wieder normalisiert. Bei der grossen Überschwemmung hatten wir sehr starke Regenfälle. So etwas hat es seit hundert Jahren nicht mehr gegeben. Wir vertrauen darauf, dass es in nächster Zeit nicht wieder zu Überschwemmungen kommen wird.

Wie sind die politische Lage und die medizinische Versorgung in Kerala? Wie die schulischen Möglichkeiten?
J. Ch.: Die politische Lage in Kerala ist stabil. Die medizinische Versorgung ist nicht ideal. Es gibt private Spitäler, die sehr teuer sind. Die Krankenhäuser der Regierung sind bezahlbar, aber nicht so gut eingerichtet. Viele Leute haben keine Krankenversicherung.
Das Schulsystem in Kerala ist sehr gut ausgebaut. Wir haben viele christliche Schulen, die für alle Menschen offen sind. Daher haben wir sozusagen keinen Analphabetismus. Auch die Mädchen gehen alle zur Schule und sind oft ehrgeiziger als die Jungs.

Wie ist die Situation im Priesterseminar?
J.Ch.: Wir sind froh, dass wir genug Nachwuchs haben. Zur Zeit unterrichten wir 256 Studierende. Die Ausbildung umfasst drei Jahre Philosophie und vier Jahre Theologie. Wir haben auch Nonnen und Laientheologen, die bei uns studieren. Es gibt eine Tagesschule und ein Internat. Neunzehn Dozierende unterrichten an unserem Seminar.
Die bei uns ausgebildeten Priester arbeiten in ganz Indien. Das ist nicht immer einfach, da die Christinnen und Christen nicht überall so gut akzeptiert sind wie in Kerala.

Wir werden wiederum eine Kollekte für Dein Land aufnehmen. Wofür möchtest Du diese einsetzen?
J.Ch.: Wir brauchen das Geld für die Kosten des Priesterseminars. Alle Studierenden bezahlen nur ein kleines Schulgeld, das die Ausgaben nicht deckt.

Lieber Jacob, ich danke Dir herzlich für dieses Interview. Es freut mich, dass Du drei Monate in unserer Pfarrei verbringst. Ich wünsche Dir alles Gute und viel Freude.

Bereitgestellt: 28.03.2019     
aktualisiert mit kirchenweb.ch