Claudia Steiger

Der Kirchenbaumeister ist im Himmel

St. Franziskus Hüttwilen (Foto: Denise Meier)

Am Ostersamstag ist Justus Dahinden, 95 Jahre alt, gestorben. Nachfolgend finden Sie einen Auszug des Nachrufs, den Köbi Gantenbein in der Zeitschrift «Hochparterre» über den Architekten unserer Kirche in Hüttwilen veröffentlicht hat.
Ruhiger und ruhiger wurde es um Justus Dahinden, den eloquenten, pfiffigen alten Herrn, den grandiosen Erzähler und bis ins hohe Alter selbstbewussten Baukünstler, der noch mit 90 Jahren grosse Projekte anpacken wollte, immer griffbereit in der Tasche einen schwarzen Fixpencil: «In Saudiarabien will ich noch eine Sonnenhügelstadt bauen.» Er zügelte dann ins Altersheim; bald noch ruhiger werdend, tauchte er schliesslich in seine Welt ein und ist nun mit 95 Jahren gestorben.

«Unaufgeregt», wie mir Ivo Dahinden in einem Mail geschrieben hat, der Sohn, der immer wieder mit seinem Vater gebaut und ihn in seinen letzten Jahren begleitet hat.
Ich kannte und mochte sein Werk, weil es eigensinnig ist in der Architektur der Schweiz, weil es vielseitig ist von Perlen der Baukultur im 20. Jahrhundert bis zum glitzrigen Konsumbarock. Persönlich lernte ich Justus Dahinden erst kennen als er ein alter Mann war; vif, listig lächelnd und auf seinen alten Beinchen behände durch Atelier und sein Wohnhaus trippelnd – schwarz angezogen natürlich von den Finken bis zum Hemd. Mich berührte nicht nur sein Stolz über sein Werk, sein munteres Erzählen, sondern auch seine Art, über den Glauben und den Herrgott im Himmel zu reden. Er war katholisch im volkstümlichen Sinn, mit einem Hang zu Vergangenheit, zu Mythen und zur Vermutung von Wundern. Sein Glaube, sein reges Interesse an Spiritualität hatten natürlich auch mit dem schönsten Teile seines Werks zu tun: Er hat 22 Kapellen, Kirchen und Kathedralen gebaut, von der Dorfkirche in Wildegg bis zu Grosskirchen in Afrika, die dazu taugen müssen, dass 2000 Gläubige den Gottesdienst feiern können.
Meine eine Lieblingskirche von Justus Dahinden in der Schweiz steht in Hüttwilen im Thurgau. Da lief ich über Land und plötzlich taucht eine grosser Turmspitze ohne Turm auf. Daneben, wie ein Tuch gefaltet, die Kirche – virtuos das Schräghaus von der Rigi variierend. 1966 hat er diese, dem heiligen Franziskus geweihte Kirche gebaut. Im Inneren ein fantastisches Licht- und Schattenspiel, kühne Geometrie, kostbares Handwerk für den Ausbau; mit etwas Abstand zeigt das Ensemble sein grosses ortsbauliches Können – die ungewohnte Kirche ist als stimmiges Bild mit dem Pfarrhaus, mit den Brunnen und Wegen, ins Dorf, gefügt.

Meine zweite Lieblingskirche steht unweit seines Wohn-, Arbeits- und Altersortes in Zürich Witikon. Auch für die Kirche Maria Krönung hat Justus Dahinden 1965 sein Können, mit Raum und Licht Geborgenheit und Atmosphäre zu schaffen, aufgeführt. Auch diese Kirche ist mit ihren Nebenbauten und Aussenräumen ein Ganzes vom grossen Plan bis zur Plättlifuge. Demnächst werde ich hin fahren und bei der alten hölzernen Madonna eine Kerze für Justus Dahinden anzünden. Und es gilt das Werk dieses Architekten zu hüten: Bis vor kurzem hatte die katholische Kirche in Maria Krönung ihre «Paulus Akademie» untergebracht. Die zügelte nach Zürich West. Nun will eine Renovation das Ensemble ertüchtigen. Neulich sah ich über sieben Umwege Planskizzen und dachte: «Wir müssen gut Acht geben, und öffentlich machen, wenn Baueifer sich nun offenbar daran macht, dieser Kirche von Justus Dahinden Unverstand anzutun.»

Den Nachruf in seiner ganzen Länge finden Sie mittels nachfolgender Links. Wir danken herzlich für die Abdruckgenehmigung.

https://www.hochparterre.ch/nachrichten/architektur/blog/post/detail/der-kirchenbaumeister-ist-im-himmel/1586790431/

Der Kirchenbaumeister ist im Himmel
NZZ am Sonntag vom 19.4.20 Der Pyramienbauer
Bereitgestellt: 25.01.2020      
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