Claudia Steiger

Orgelportrait Klösterli

Orgel Klösterli 1 (Foto: Emanuel Helg)

Die kleine, aber kraftvolle Orgel in der Klösterlikirche ist eine vielseitige Begleiterin. Mit ihren klaren und einfachen Formen und dem geradezu puristischen Aufbau zählt sie zu den Pionierinstrumenten – auch über die Kantonsgrenzen hinaus. Zeit, einmal einen etwas genaueren Blick auf dieses Orgelwerk zu werfen.
(Bild 1) Sie wirkt mit ihren geometrischen Formen recht modern in diesem altehrwürdigen, ehemaligen Kapuzinerkloster. Dazu schreibt Angelus Hux in seinem vorzüglichen Nachschlagewerk «Klangräume» jedoch: «... mit ihren klaren und einfachen Formen passt sie ausgezeichnet in die franziskanische Umgebung.»

(Bild 2) Und tatsächlich: Das schlichte, schmucklose Erscheinungsbild entspricht durchaus monastischen Tugenden. Das Instrument mit immerhin 15 Registern ist zudem ziemlich genügsam im Platzverbrauch. Es verdeckt auch keine Fenster, steht etwas seitlich und nicht mitten auf der Empore. Es lässt sogar kleineren Chören noch genügend Raum und bietet sich gleichzeitig als vielseitige Begleiterin an.

Barocker Orgelbau als Ideal
Das kleine, aber durchaus kraftvolle Orgelwerk wurde im Jahr 1962 von der im zürcherischen Dietikon beheimateten Orgelwerkstatt Metzler & Söhne erbaut. Die ungewohnt klaren und charakteristischen Stimmen sorgten bei der Einweihung für grosses Erstaunen. Als Berater stand den Orgelbauern der damalige Frauenfelder Kirchenmusiker Josef Holtz zur Seite. Inspiriert durch wegweisende neue Instrumente, wie etwa die Metzler-Orgel im Grossmünster Zürich (1960), brachte er die Ansichten und Erkenntnisse der sogenannten «Orgelbewegung» nach Frauenfeld. Die Orgelbewegung war eine Rückbesinnung auf noch original erhaltene, historische Orgeln in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damit einher ging die Kritik an qualitativ mangelhaften, mit Spielhilfen überladenen, sogenannten «Fabrikorgeln». Vor allem der barocke Orgelbau wurde als Ideal bewundert und gemäss dem damaligen Stand der Forschung imitiert, wobei Hansueli Metzler mit seinen Instrumenten ab den 1960er Jahren neue Massstäbe setzte.

(Bild 3) Von der Rückbesinnung auf Qualität und der Reduktion auf das Wesentliche zeugt auch der Spieltisch der Klösterliorgel. Geradezu puristisch wirken die über den Tasten auf einer Reihe angeordneten Registerzüge; links und rechts je sechs Züge für die beiden Manualwerke und die drei mittleren für das Pedal, was etwas gewöhnungsbedürftig ist – hier gilt es beim Registrieren die Übersicht zu bewahren!

Pionierinstrument in der Klösterlikirche
Der Orgelbauer Hansueli Metzler und der Kirchenmusiker Josef Holtz wurden durch ihre Frauenfelder Orgeln zu wichtigen Impulsgebern in der Region, spätestens ab 1969 durch den mustergültigen Orgelneubau in der St. Nikolauskirche auch über die Kantonsgrenzen hinaus. Das Pionierinstrument im Thurgau war (und ist) jedoch die kleinere Orgel im Klösterli.

(Bild 4) Ein Blick in das Rückpositiv lässt die vielfältige Charakteristik der Orgel erahnen. Das Rückpositiv ist das Werk, welches auf der Emporenbrüstung platziert ist.

(Bild 5) Die drei Pedalregister stehen, nur unvollständig von Seitenwänden umgeben, ganz zuhinterst direkt an der Kirchenmauer.

(Bild 6) In einer Holztruhe direkt neben einer hinteren Seitanwand befindet sich gut sichtbar der Ventilator, welcher die Orgel mit Wind versorgt.

Lebendige Klänge
Es ist nicht abzustreiten, dass dieser Zeitzeuge der Orgelbewegung eine ziemlich forsche Lautstärke entwickeln kann. Für manche empfindlichen Ohren wurde, insbesondere in den hohen Tonlagen, das «Säuseln» aus der Ära zuvor durch ein «Schreien» ersetzt. Dabei gilt es aber auch zu beachten, dass auf «orgelbewegten» Instrumenten die Register etwas sparsamer eingesetzt werden sollten. Es galt beispielsweise ein recht striktes (mittlerweile revidiertes), sogenanntes «Äqualverbot», welches besagte, dass im selben Werk die Register mit gleicher Fusslänge in der Regel nicht zusammen erklingen dürfen. Auch waren sogenannte «Spaltklänge» in Mode; eine Art «Lückenregistrierung» unter Auslassung der mittleren Tonlagen.

Unter Berücksichtigung solcher Hintergrundinformationen und mit etwas eigener Experimentierfreude vermag dieses besondere Instrument unsere Ohren aber nach wie vor zu betören, in bester franziskanischer Tradition mit farbenfroh singenden, naturhaft lebendigen Klängen.
Emanuel Helg, Leitung Kirchenmusik
Bereitgestellt: 15.08.2021      
aktualisiert mit kirchenweb.ch