Interview zum Jubiläumskonzert «150 Jahre Kirchenchor St. Nikolaus».
Vor 150 Jahren fand eine Gruppe von Sängerinnen und Sängern zusammen und legte damit den Grundstein des heutigen Chores der St. Nikolauskirche. Am 2. Juli 2023 feierte der Chor sein 150-jähriges Jubiläum mit einem Festkonzert um 17 Uhr in der Stadtkirche. Aus aktuellem Anlass haben wir dem 10. Chorleiter Reto Schärli einige Fragen zum Jubiläum gestellt.
Was bedeutet dieses Jubiläum für dich als Chorleiter?
Es ist eine grosse Ehre und Freude, den Chor gerade auch durch dieses Jahr führen zu dürfen. Es stehen nebst dem Jubiläumskonzert ja zahlreiche weitere chorinterne Ereignisse an. Das bedingt von allen Beteiligten ein hohes Mass an zusätzlichem Engagement – ein Geburtstag bringt ja viele Geschenke und zugleich auch viel Verantwortung mit sich. Es überwiegen aber eindeutig die Freude und der Optimismus, ich bin meinen Sängerinnen und Sängern, der Kirchgemeinde und den «Frauenfelder Abendmusiken» für die grosszügige finanzielle Unterstützung und ihren Einsatz sehr dankbar. Aus all‘ diesen Gründen bin ich voller Vorfreude und absolut überzeugt, dass 2023 als spezielles Jahr in die Annalen eingehen wird.
Was macht das Jubiläumskonzert besonders?
Der Chor der St. Nikolauskirche agiert während des Jahres zumeist «unsichtbar» von der Empore aus. Dass wir im Rahmen des Jubiläumsjahres mit einem Konzert (im Altarraum der Stadtkirche) hervortreten, ist an sich schon besonders. Das bedingt einen administrativen und probenmässigen Mehraufwand, den der Chor so nicht gewohnt ist, aber hervorragend und äusserst engagiert meistert!
In den Orchestermessen der vergangenen Jahre kamen traditionellerweise viele Messen Mozarts und Joseph Haydns zur Aufführung. Ich wollte das Bild der drei «Wiener Klassiker» ergänzen um ein Werk von Beethoven. Seine «Messe C-Dur» ist nicht nur eines der zentralen Meisterwerke der Kirchenmusik, sondern ein Stück, zu dem ich eine tiefe, sehr persönliche Verbindung habe. Es begleitet mich schon ganz lange, weshalb ich mir – fürchterlich unbescheiden – mit dieser Aufführung auch selbst ein Geschenk mache. Aufgrund seiner Dimensionen eignet sich das Werk perfekt für den Anlass. Es ist ein anspruchsvolles, zugleich für den Chor aber sehr dankbares und ausgesprochen kontrastreiches Stück. Wir ergänzen das Programm durch die vom Orchester gespielte, gleichzeitig geschriebene «Coriolan»-Ouvertüre Beethovens. Nach deren Drama und dem grossen Bogen der Messe singt der Chor zum Abschluss das «Halleluja» aus Händels Oratorium «Messias» – dem Jubel und der Freude möchten wir musikalisch würdig Ausdruck verleihen.
Was zeichnet die 150-jährige Erfolgsgeschichte des Chores aus?
Ich bin überzeugt, dass es verschiedene Faktoren sind, deren Mischung zur langen Erfolgsgeschichte beigetragen haben: Einerseits die Freude und geschichtlich gewachsene Rolle von (Kirchen-)Musik allgemein, andererseits aber auch der gesellschaftliche Aspekt des Singens im Chor.
Die Arbeit eines (katholischen) Kirchenchors heute unterscheidet sich in vielerlei Weise von früher: Durch die Liturgiereformen im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils hat ein Grossteil an herrlicher (lateinischer) Chormusik seine Funktionalität verloren. Das hat jedoch auch eine gewisse Freiheit in der Stückauswahl ermöglicht, da die liturgische Bindung heute weniger starr gesehen wird: So liegen die Schwerpunkte bei uns beispielsweise stärker auf der deutschen Sprache. Durch das nach wie vor sehr rege zeitgenössische Schaffen wächst auch das Kirchenmusikrepertoire stetig an.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Ich erhoffe mir, dass die Kirchenmusik insgesamt weiterhin eine so feste Stellung im liturgischen Alltag einnehmen darf. Dem Chor wären Neuzugänge (insbesondere Männerstimmen) zu wünschen oder zumindest, dass Austritte in grösserer Zahl weiterhin ausbleiben.
Der Chor ist eine Gruppe von Singenden, und dennoch mehr als die Summe seiner Teile: Es ist wichtig und wertvoll, sich mit seiner eigenen Persönlichkeit (auch in nicht-musikalischer Form) einzubringen. Und zugleich ist es zentral, sich ins Team einzufügen. Der gegenseitige Respekt, das Vertrauen und das grosse Engagement zeichnen den Chor der St. Nikolauskirche ganz besonders aus.
Reto Schärli
Geboren 1991, erhielt Reto Schärli seine erste musikalische Ausbildung am Konservatorium
Winterthur; anschliessend Orchesterleitungs- und Musiktheoriestudium an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie privat bei Giuliano Betta. Reto Schärli hat an zahlreichen Meisterkursen mit führenden Dirigenten unserer Zeit teilgenommen, u.a. mit David Zinman, Bernard Haitink, Esa-Pekka Salonen, Michail Jurowski, und Yuri Simonov.
Der junge Musiker leitete Konzerte und Opernaufführungen in Tschechien, Bulgarien, Russland, Litauen, Ukraine, Estland, Schweiz, Frankreich, Deutschland und Österreich. Derzeit arbeitet er als Leiter zweier Chöre, freischaffender Gastdirigent und Korrepetitor mit einer regen Konzerttätigkeit in der Schweiz und dem angrenzenden Ausland.
Das ganze Interview mit dem Chorleiter lesen Sie hier: 150 Jahre Chor der St. Nikolauskirche - Reto Schärli
Die Chronik des Präsidenten lesen Sie hier: 150 Jahre Chor der St. Nikolauskirche
JUBILÄUMSKONZERT «150 JAHRE KIRCHENCHOR ST. NIKOLAUS»
Sonntag, 2. Juli 2023, 17.00 Uhr, Katholische Stadtkirche St. Nikolaus
- Ludwig von Beethoven (1770–1827), Ouvertüre zu Collins Trauerspiel, «Coriolan» op. 62, Messe C-Dur op. 86
- Georg Friedrich Händel (1685-1759), «Halleluja» aus dem Oratorium «Messias»
Mitwirkung: Olga Kharchenko, Sopran; Anja Powischer, Alt; Oleg Sopunov, Tenor; Sergej Aprischkin, Bass; Chor der St. Nikolauskirche Frauenfeld; Orchester ad hoc
Leitung: Reto Schärli
Kollekte als Beitrag an die Konzertkosten